Gaza: Es gibt nur noch eine Grenze…
Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Mail von einer Friedensaktivistin aus Israel zur Situation in Gaza, in der stand: “… sie haben Kinder gefunden, die in ihren Häusern kauerten, wahrscheinlich schon tagelang, neben den Körpern ihrer getöteten Eltern. Die Ambulanz war nicht zu ihnen durchgelassen worden, trotz der strengen internationalen Gesetze für einen freie medizinsche Versorgung.”
Ich bitte alle LeserInnen einen Moment innezuhalten, damit die Information auch das Herz erreichen kann.
Weiß man, was ein Kind ist? Bei Nacht? Neben der Leiche seiner Mutter?
Etwas in mir wird sehr ruhig. Ich will keine Petitionen mehr unterschreiben, nicht mehr meditieren und für den Frieden beten. Ich habe nur noch den großen Wunsch zu verstehen. Was heute in Gaza geschieht, geschah gestern in Ruanda, im Kosovo, in Vietnam und kann morgen auch hier in meiner unmittelbaren Nachbarschaft geschehen.
Ich weiß, das Unrecht wird koordiniert und angeordnet im Namen von Regierungen und Militär, von Banken und Konzernen, von Geheimdiensten und Waffenindustrien, aber sie alle könnten nichts ausrichten, wenn es nicht genügend Menschen gäbe, die latent gewaltbereit sind, jederzeit dafür zu gewinnen, die Kriegspläne auch auszufüren.
So bleibt die Frage: Wer ist der Mensch?
Ich möchte dazu einige Sätze zitieren von Dieter Duhm:
“Ich bin der Einsiedler, der aus seiner Höhle kriecht in dem bedächtigen Entschluß, die Welt, in der er von nun an leben möchte, mit unparteilichem Interesse so zu sehen, wie sie wirklich ist. Nichts ist ungeheuerlicher, schauriger, widersprüchlicher und unbegreiflicher als der Mensch, wenn wir aufhören, ihn zu früh zu erklären und unserem embryonalen Begriffsvermögen anzupassen. Es geht nur um das Sehen, nicht um Deutungen und Beurteilungen. Machen wir einen Längsschnitt durch die bisherige Geschichte oder einen Querschnitt durch alles, was jetzt, in diesem Augenblick, auf unserem Planeten unter Menschen (auch zwischen Menschen und Tieren) geschieht, so gibt es für das Sehvermögen des naiven Auges vielleicht nur eine einzige Grenze: die Grenze des Entsetzens.
Der Mensch: das ist das Wesen, das Pyramiden gebaut hat, Städte bis auf das letzte Kind und die letzte Katze ausgelöscht hat, Choräle gesungen und Kathedralen errichtet hat, Andersgläubige auf glühendem Rost gebraten und Andersrassige in Seife verwandelt hat; das Wesen, das aus Liebe gehaßt und aus Frömmigkeit gemordet hat, das Nächstenliebe gepredigt und Napalm produziert hat, das den Frieden liebt und jetzt seinen nuklearen Untergang vorbereitet.
Das Unfaßliche verlangt gebieterisch eine Antwort. Aber hüten wir uns, sie zu schnell zu geben.”
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