Mit wenig Menschen vieles bewirken
Es häufen sich in letzter Zeit Meldungen, daß die USA doch noch oder immer noch den Krieg gegen den Iran vorbereiten. Von August 2008 ist nun die Rede.
Statt eines eigenen Kommentars dazu möchte ich ein Zitat vorstellen aus dem Buch “GRACE. Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg” von Sabine Lichtenfels. Angesichts der damaligen Kriegsdrohung gegen den Iran im Jahr 2005 traf die Autorin eine Entscheidung, die “…über alles hinausging, was sie bis dahin getan hatte”. Ihre Worte sind aktueller als je zuvor:
“Die Vorstellung, bei einem nächsten Krieg tatenlos zusehen zu müssen, ließ mir keine Ruhe mehr. Wie besessen suchte mein Geist nach Ruhe, nach Schutz, nach Perspektive. Ich studierte in Kunstbüchern, bei Klee, bei Kandinsky, Käthe Kollwitz. Sie alle waren Zeugen eines Krieges, einer auswegslosen politischen Situation gewesen und hatten ihren Ausweg in der Kunst gesucht und auch in der Gemeinschaft. Aber ich fand keinen wirklichen Trost. (…)
Was für Gründe für Hoffnung hast du? Unsere Geschichte, auf die das westliche Abendland stolz ist, ist eine einzige Kriegsgeschichte. Ich höre die Worte des typischen Patriarchen, der lächelnd sagt: Krieg ist ein Naturgesetz, und es wird ihn immer geben. So hat mein Vater gesprochen, obwohl er selbst überzeugter Pazifist war, so schreibt ein Teilhard de Chardin, der Jesuitenpater, der in voller Aufrichtigkeit den Weg mit Gott suchte, so predigten unsere Pfarrer, und so lehrten es uns die meisten Lehrbücher. Und die Matriarchate, in denen unsere weibliche Seele ihre Heimat und Beruhigung sucht, haben keine Beweise, dass es jemals Frieden auf der Erde gab. Es gibt keine Beweise für eine gewaltfreie Kultur, es gibt nur die Sehnsucht, den unbändigen Hunger nach einer besseren Welt, solange wir es noch wagen, uns diesen Hunger einzugestehen.
Wie kann ich die Menschen verstehen, die lieber abstumpfen, gleichgültig werden, als da noch hinschauen zu wollen! Erwachsen werden heißt, sich in die gegebene Wirklichkeit einfügen. Es braucht eine große Kraft, um nicht in diesem Sinn „erwachsen“ zu werden.
Ich kann nicht erwachsen werden. Ich habe Freunde in Israel und Palästina, in Afrika, in Indien und Kolumbien. Je näher mir die Welt der Unterdrückten kommt, desto empörter wird mein Aufschrei gegen die Welt der Reichen, der Behüteten, gegen die Welt, aus der auch ich komme. Aber auch in diesem Aufschrei gegen etwas finde ich keinen Trost.
Ich suche in der Friedensbewegung nach kraftgebender Literatur für den Ring der Kraft, ein von mir gegründetes spirituell-politisch ausgerichtetes Netzwerk für den Frieden. Ich will mit den Texten, die ich versende, auch in der Friedensbewegung daran erinnern, dass die Welt Dinge wie Schönheit, Sanftheit, wie Glück und Musik besitzt. Wenn man nicht fähig ist, Schönheit zu schaffen, wofür kämpft man dann?
Eine Revolution, die einen Ausweg aus der Sackgasse entwickeln möchte, muss begleitet sein von dem Aufbau einer positiven Alternative; sie muss sich die Mühe machen, die inneren psychologischen Vorgänge von uns Menschen einzubeziehen, um auf die inneren Fragen eine wirkliche Antwort bieten zu können. Eine Ursache für den Krieg liegt in den falsch kanalisierten Sehnsüchten und Lebensenergien des Menschen. Oder glauben wir ernsthaft daran, dass junge Soldaten, die für den Krieg bereitstehen, wirklich den Befehlen gehorchen würden, wenn sie eine andere Perspektive hätten für ihre Kraft, ihren Mut, ihre Sehnsucht nach Abenteuer und Gemeinschaft? Wenn sie von anderen archetypischen Seelenbildern geleitet würden als den Heldenbildern der patriarchalen Kulturen? Könnte es überhaupt eine militärische Welt geben, die auf Befehl und Gehorsam basiert, wenn die Menschen es gelernt hätten, ihrer Sehnsucht in der Liebe zu folgen und dabei ihre eigene Quelle zu finden? Es ist der nicht erfüllte Hunger nach Gemeinschaft, nach Liebe und Religion, der uns in den kollektiven Wahnsinn getrieben hat.
Wenn wir wüssten, wie die Sehnsucht in der Liebe, wie die Hoffnung nach Vertrauen und Gemeinschaft, wie der Überschuss an Vitalität und Lebenskraft, wie die gewaltige Macht der Sexualität in unser Leben zu integrieren wären, anstatt sie zu unterdrücken, es gäbe längst keinen Krieg mehr.
Ich war jetzt oft genug in Israel/Palästina und konnte es immer wieder studieren: Viele Palästinenser, die Zeuge von israelischen Angriffen wurden, wollen Rache. Das ist nur allzu menschlich, wenn man sieht, mit welchen Methoden der Staat Israel gegen Palästina vorgeht. Ebenso geht es den Israelis, die bei einem Selbstmordattentat einen nahen Freund verloren haben, ein Kind, einen Mann oder eine Frau, die sich ständig bedroht fühlen von der radikalen Hamas, von den Selbstmordattentätern, deren rasendes Rachebedürfnis vor nichts mehr halt macht. Man muss einmal vor Ort gewesen sein, um sich ein Bild machen zu können, mit welchem Gefühl ein Israeli einen Bus besteigt, in ein Kaufhaus geht oder in ein Restaurant. Ganz Israel steht unter einem kollektiven Ghetto der Angst, die oft sehr alltäglich und unbewusst geworden ist. Wo Angst zum Alltag geworden ist, greift der Ruf nach Gewalt umso leichter. Unsere Friedensbotschaften werden wenig fruchten, solange wir nicht wissen, wie es Männern oder Frauen ergeht, denen soeben vom feindlichen Nachbarn ihr Kind erschossen wurde, ihr Land geraubt, die Frau vergewaltigt, der Mann umgebracht. Da brüllt nur noch eine Stimme in den Verletzten: Ich will Rache! Da hat niemand die Frage: Worin besteht jetzt die Entscheidung für die Liebe? Da fragt kaum jemand nach den politischen Hintergründen, da hat niemand die Kraft und die Ruhe, um nach wirklichen Lösungen Ausschau halten zu können.
Aber wir, die wir international beteiligt sind, die wir aus der Ferne mit Entsetzen zuschauen, wir müssen uns fragen: Durch was bekommt die Friedensbewegung Macht? Wie verwandelt sich die aufkommende Ohnmacht in eine Quelle des Glaubens und der Macht? Vor der Lösung dieser Thematik steht jeder, der sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzt: Ist diese Erde noch zu retten?
Ein großer Teil der Bevölkerung würde auf die Frage: „Wollen Sie Krieg oder Frieden?“ antworten: „Wir wollen Frieden, aber was können wir allein schon tun?“ Wenn man alle diese Menschen in einer Initiative zusammenführen könnte, die verbunden ist mit einem Wissen und einer Vision, die mehr Macht in sich trägt als die Globalisierung der Gewalt, so könnte dies einen entscheidenden Drehpunkt in der Friedensarbeit ergeben. Um es etwas paradox zu sagen: Ohnmacht ist eine der gewaltigsten latenten Machtpotentiale. Wenn das weltweit verbreitete Gefühl der Ohnmacht transformiert würde in eine Handlungskraft des Friedens, wenn sie verwandelt würde in ein Wissen und ihr Ziel kennen würde, hätte die Friedensbewegung es leicht.
Es ist offensichtlich, dass das internationale Machtsystem gezielt mit der Ohnmacht arbeitet, um die Menschen regierbar zu machen und sie zum Schweigen zu bringen, so dass immer mehr Gräueltaten weltweit geduldet werden, ohne dass sich noch jemand wehrt.
Hier muss die Drehung vollzogen werden. Der gewaltigen Realität des Krieges setzen wir einen gewaltigen Traum entgegen. Unsere Kraftquelle besteht in dem Mut, den Träumen treu zu bleiben und ihnen die Macht und das Wissen zur Verwirklichung zu geben. Wir träumen den Traum einer großen Bewegung: Der Bewegung für eine freie Erde.
Diese Bewegung hat die Aufgabe, glaubhafte Alternativen aufzuzeigen; sie hat die Aufgabe, eine kraftvolle, lebensfreudige und gewaltfreie Revolution einzuleiten, die allen eine Perspektive gibt und Möglichkeiten aufzeigt, wie wir das globale System der Gewalt verlassen können. Austreten aus dem System der Mittäterschaft, einsteigen in ein System des Friedens. Dies verlangt eine Umstellung aller Lebensgewohnheiten, dies verlangt eine tiefe persönliche Entscheidung, eine soziale Revolution und eine globale Alternative.
Die Entscheidung in mir bahnte sich an. Ich wollte einen Schritt tun, einen Schritt, der über alles, was ich bisher getan habe, hinausging. Ich glaube fest daran, dass wir mit wenig Menschen vieles bewirken können, wenn wir ernsthaft genug nach neuen Lösungen Ausschau halten.”
Ich hoffe, daß diese Worte die “wenigen” Menschen erreichen, mit denen wir vieles bewirken können. Ich danke für Kommentare!
